Inklusion – aber nur wenn sie nichts kostet?

Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen müssen auch dann umfassend unterstützt werden, wenn sie im Rahmen der Inklusion eine normale Schule besuchen. Das setzen engagierte Träger von Behinderteneinrichtungen derzeit mit einer Petition an die bayerische Politik durch. Die beim Besuch von Förderschulen übliche Kostenübernahme für Fahrten zur Schule wird nach derzeitiger Regelung nahezu ersatzlos gestrichen, wenn ein Kind auf eine Regelschule wechselt. Das Kultusministerium muss nun Abhilfe schaffen.

Wenn junge Menschen mit Behinderungen jeden Morgen in eine Förderschule gebracht werden, beteiligen sich die Kostenträger an diesen oftmals hohen Fahrtkosten für die notwendigen begleiteten Transporte. Erfolgt jedoch im Rahmen der erwünschten Inklusion zum Beispiel der Besuch einer inklusiven Grundschule, werden bisher jährlich nur rund 400 Euro zum Beispiel für eine Busfahrkarte erstattet.

Auf diese Ungleichbehandlung machte die im Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) organisierte Stiftung ICP München jetzt mit einer Petition aufmerksam. „Auch zu einer Regelschule müssen schwerbehinderte, in ihrer Mobilität eingeschränkte Kinder mit einem Fahrdienst gebracht werden. Das darf nicht von der Schulart abhängig gemacht werden“, erklärt der ICP-Vorstandsvorsitzende Dr. Hans Beyrle. „Durch die unverständliche Verweigerung der Fahrtkosten beim Besuch inklusiver Schulen werden die Kinder also fast zum Besuch von Förderschulen gedrängt, obwohl der Freistaat Bayern und auch die UN-Behindertenrechtskonvention etwas völlig anderes wollen.“

In einer Anhörung unterstützte nun auch der Ausschuss für Bildung und Kultus im bayerischen Landtag die Forderung der Stiftung und überwies die Petition als „Material“ an die Staatsregierung. „Ein wichtiger Schritt ist geschafft, denn damit wird das zuständige Ministerium aufgefordert, die Situation zu prüfen und zum Beispiel über eine Verordnung oder im Rahmen einer Gesetzesnovelle Abhilfe zu schaffen“, erläutert der Leiter der bpa-Landesgeschäftsstelle in München Joachim Görtz.

Allerdings sei damit den betroffenen Kindern nicht direkt geholfen, ärgert sich der bayerische bpa-Landesvorsitzende Kai A. Kasri. „Der Ausschuss konnte sich nicht dazu durchringen, das Schulfinanzierungsgesetz kurzfristig zu ändern. Wir müssen nun darauf hoffen, dass das Kultusministerium zügig eine Lösung für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, die eine inklusive Grundschule besuchen, findet und die finanziellen Hürden schnell beseitigt.“

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa) bildet mit mehr als 8.500 aktiven Mitgliedseinrichtungen (davon über 1.000 in Bayern) die größte Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienstleistungen in Deutschland. Einrichtungen der ambulanten und (teil-)stationären Pflege, der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe in privater Trägerschaft sind im bpa organisiert. Die Mitglieder des bpa tragen die Verantwortung für rund 260.000 Arbeitsplätze und circa 20.000 Ausbildungsplätze (siehe www.youngpropflege.de oder auch www.facebook.com/Youngpropflege). Das investierte Kapital liegt bei etwa 20,6 Milliarden Euro.

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Sexualisierte Gewalt: Jungen und Mädchen mit Behinderung besser schützen

Mädchen und Jungen mit Behinderung sind besonders gefährdet, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden. Um diese Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen besser zu schützen, hat der Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Ralf Kleindiek gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter
Menschen, Verena Bentele, dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, und der Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. ein neues Modellprojekt eröffnet:
„Beraten & Stärken – Schutz von Mädchen und Jungen mit Behinderung vor sexualisierter Gewalt in Institutionen“. Auftakt war ein
Expertinnen-Fachgespräch in Berlin.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig begrüßte den Start des neuen Modellprojekts: „Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung den
Gefahren sexualisierter Gewalt in besonderem Maße ausgesetzt sind. Sie sind auf Hilfen im Alltag angewiesen, emotional oft von ihren Bezugspersonen abhängig, und meistens fällt es ihnen schwer zu widersprechen. Deshalb ist es wichtig, die Präventions- und Interventionsarbeit in den Einrichtungen zu stärken. Für mich
ist das Projekt`Beraten und Stärken`ein wichtiger Baustein im Gesamtkonzept zum Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt.“

Bis Ende des Jahres 2018 werden in bundesweit 100 Einrichtungen modellhaft Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fortgebildet, die Strukturen für den Kinderschutz in den Institutionen verbessert und Präventionstrainings mit dort lebenden Mädchen und Jungen durchgeführt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert das Modellprojekt „Beraten & Stärken“, das
auf einer engen Kooperation mit den Fachverbänden im Bereich der Behindertenhilfe basiert.

Die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele, unterstreicht: „Mädchen und Jungen mit Behinderung müssen mit allen geeigneten Maßnahmen vor Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch geschützt werden.
Damit die Artikel 7 und 16 der UN Behindertenrechtskonvention wirksam umgesetzt werden, sind umfassende Schutz- und Präventionsmaßnahmen von hoher Wichtigkeit.
Mädchen und Jungen mit Behinderung durch Empowerment zu stärken, halte ich deshalb für unverzichtbar. Kinder sind unsere Zukunft, diese Zukunft müssen wir schützen und stärken.“

Durchgeführt wird das Modellprojekt in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. (DGfPI), dem Zentrum für Diagnostik und Förderung (ZeDiF) der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln sowie bundesweit zehn Fachberatungsstellen. Matthias Nitsch, Geschäftsführer DGfPI e.V., erklärt:
„Wir freuen uns in diesem Modellprojekt die Expertise von Fachberatungsstellen die zum Thema sexualisierte Gewalt arbeiten, der Universität Köln und der Einrichtungen der Behindertenhilfe zusammenführen zu können, um Mädchen und Jungen mit Behinderung besser vor sexualisierter Gewalt zu schützen.“

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, erklärt zum Auftakt in Berlin: „Schutzkonzepte sind in allen Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, dringend erforderlich.
Besonders dort, wo Kinder sehr hilfebedürftig sind oder sich nur schwer mitteilen können, stehen wir bei der Prävention von sexueller Gewalt vor besonderen Herausforderungen. Wir wissen, dass Mädchen und Jungen mit Behinderungen ein erhöhtes Risiko tragen, Opfer von sexueller Gewalt zu werden. Ich bin froh, dass das Modellprojekt jetzt startet und dazu beitragen wird, spezifische Erkenntnisse
für die Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten für diese besonders schutzbedürftige Gruppe weiter zu verbessern.“

Die Ergebnisse des Modellprojekts „Beraten & Stärken“ sollen in Form von umfangreichen Handlungsempfehlungen veröffentlicht werden und später als Grundlage für Qualifizierungsmaßnahmen oder Präventionsprogramme dienen.
Weitere Informationen: www.dgfpi.de

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Kooperationsverbot aufheben – inklusive Bildung verbessern!

Der Deutsche Behindertenrat (DBR) begrüßt die geplante Grundgesetzänderung zur Lockerung des Kooperationsverbotes von Bund und Ländern in der Wissenschaft. „Die Gesetzesinitiative ist richtig, muss jedoch weitergehen. Würde jetzt auch ein Ende des Verbots im schulischen Bereich eingeläutet, gelänge ein echter Durchbruch. Er könnte die Qualität der inklusiven Bildung deutlich verbessern“, erklärt SoVD-Präsident und DBR-Sprecher Adolf Bauer.

Der Bildungsausschuss des Deutschen Bundestages berät heute einen vom Bund eingebrachten Gesetzentwurf für eine erweiterte Kooperation von Bund und Ländern in der Wissenschaft. Der Entwurf sieht vor, dass Hochschulen in gleicher Weise wie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen institutionell gefördert werden können.

„Solange das Verbot für den schulischen Bereich besteht, können überfällige Förderprogramme durch den Bund nicht erfolgen. Dies ist jedoch eine entscheidende Voraussetzung, um eine gleichberechtigte Teilhabe der behinderten Schülerinnen und Schüler am Bildungssystem umzusetzen“, betont Adolf Bauer.

Im DBR haben sich über 140 Organisationen behinderter und chronisch kranker Menschen zu einem Aktionsbündnis vereinigt. Es repräsentiert mehr als 2,5 Millionen Betroffene in Deutschland. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) hat am 3. Dezember 2013 den Vorsitz im Sprecherrat des DBR für das Jahr 2014 übernommen.

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Tandem-Aktion vermittelt behinderten Kindern außergewöhnliche Eindrücke

Die Radfahrer treten immer kräftiger in die Pedale, das Tandem beschleunigt und taucht förmlich in die Steilkurve ein – doch der Co-Pilot sieht von all dem nichts. Für sehbehinderte Kinder und Jugendliche ist die rasante Tour mit einem ehemaligen Radrennfahrer trotzdem ein unvergessliches Erlebnis. Sie spüren den Fahrtwind, erleben eine Portion Nervenkitzel und sind umso glücklicher, wenn sie die Mutprobe meistern. Das Ziel: das im Radstadion gewonnene neue Selbstvertrauen mit in den Alltag zu nehmen. Der Verein „Aktion Hilfe für Kinder“ hat das außergewöhnliche Projekt mit den Ex-Radprofis Gerd Dörich und Karsten Wörner gestartet. Mehr Informationen gibt es unter www.aktion-hfk.de.

Den Alltag bewältigen

Die Profis sorgen dafür, dass die Kinder und Jugendlichen – neben Sehbehinderten auch Teilnehmer mit geistigen oder körperlichen Behinderungen – jederzeit sicher sind. Mittreten müssen sie auf den hinteren Sitzen der Tandems allerdings schon. „Es gehört Mut dazu, sich einem Tandempiloten anzuvertrauen, den man nicht kennt“, sagt Gerd Dörich. „Doch nach einer kurzen Einweisung und gut ausgerüstet mit Helm und Radhandschuhen sammeln die Kinder auf der Fahrt viele Glücksmomente und nehmen Motivation mit – auch für die Bewältigung des alltäglichen Lebens.“ Die Fahrten werden regelmäßig in geeigneten Radstadien wie etwa in Öschelbronn angeboten, weitere bundesweite Standorte sind in Planung.

Inklusion praktisch umgesetzt

Wie können Behinderte ein möglichst selbstständiges Leben führen? Diesem Thema der Inklusion kommt nach Meinung der Experten vom Verbraucherportal Ratgeberzentrale.de eine stark wachsende Bedeutung zu – in der Schule ebenso wie später im Beruf oder auch im Sport. Die Radprofis zeigen praktisch, wie es geht, und haben dabei auch an Details gedacht. So sind die Tandems eigens für die „Aktion Steilkurve“ angefertigte Unikate, bei denen der vordere Platz größer ist als der hintere. Der Vorteil: Kinder bereits ab einer Körpergröße von 1,35 Metern kommen so bequem an die Pedale.

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Hans-Rosenthal-Ehrenpreis 2013 geht an Kinderhospiz „Sterntaler“

Das Kinderhospiz „Sterntaler“ erhält 2013 den mit 10 000 Euro dotierten Hans-Rosenthal-Ehrenpreis für sein großes soziales und humanitäres Engagement. Die Auszeichnung wird am Samstag, 6. April 2013, im Rahmen des Showprogramms der Charity-Veranstaltung „21 Jahre Hans-Rosenthal-Gala“ in der Jugendstil-Festhalle in Landau in der Pfalz verliehen.

Mit einstimmigem Votum entschied sich die Jury in diesem Jahr für das Kinderhospiz „Sterntaler“ in Dudenhofen bei Speyer. Der Verein ist nach Karlheinz Böhm (2003), Ingeborg Schäuble (2004), Christina Rau (2005), „Ein Herz für Kinder“ (2006), Veronica Ferres (2007), „Schüler helfen Leben“ (2008), Peter Maffay (2009), Franz Beckenbauer (2010), „alt – arm – allein“ (2011) und Gesine Cukrowski (2012) der elfte Träger des Hans-Rosenthal-Ehrenpreises, der seit 2003 jährlich von der Hans-Rosenthal-Stiftung und dem Verein „Aktion Hilfe in Not“ an Personen oder Institutionen verliehen wird, die sich in herausragender Weise und uneigennützig für Not leidende Menschen einsetzen.

Das Kinderhospiz „Sterntaler“ ist eines von elf stationären Kinderhospizen in Deutschland und das einzige in Rheinland-Pfalz. Es besteht seit 2009 und wird getragen vom Mannheimer Verein „Kinderhospiz Sterntaler e.V.“ Das Kinderhospiz sieht sich als Herberge für unheilbar erkrankte Kinder und ihre Familien. Neben Kinderkrankenschwestern und Pflegern kümmern sich Pädagogen und eine Psychologin um die Kinder und ihre Familien. Besonders wichtig ist den „Sterntalern“ die Betreuung der Geschwisterkinder, die sich mit ihren Sorgen und Ängsten um die kranke Schwester oder den kranken Bruder hilflos und bei allen Bemühungen der Eltern oft zurückgesetzt fühlen.

Patrick Weiß, Sprecher der Jury: „Das herausragende Engagement der „Sterntaler“, mit dem sie Familien und Betroffenen Halt und Zuversicht geben, verdient Dank und Anerkennung. Ich bin daher sehr stolz und froh darüber, dass sich die Ehrenpreis-Jury in diesem Jahr darauf verständigt hat, diesen Einsatz für Familien, die in einer schweren Lebenskrise sind, zu würdigen. Dies ist uns eine ganz besondere Ehre.“

Der Hans-Rosenthal-Ehrenpreis wird in Würdigung der Persönlichkeit des 1987 verstorbenen Fernsehmoderators und Quizmasters („Dalli-Dalli“) sowie zur Erinnerung an sein Werk verliehen. Hans Rosenthal war es schon aufgrund seiner eigenen Geschichte wichtig, dass selbstlose und mutige Personen Anerkennung finden. Er selbst verdankte sein Überleben während des Holocausts zwei fremden Frauen, die unter Lebensgefahr mit ihm ihre Lebensmittel teilten und ihn so am Leben erhielten. Später war es Hans Rosenthal selbst ein Anliegen, Not leidenden Menschen zu helfen, unter anderem mit der Aktion „Dalli-Dalli-hilft“, in deren Nachfolge die Hans-Rosenthal-Stiftung gegründet wurde.

Sichtbares Zeichen der Auszeichnung mit dem Ehrenpreis ist eine Plastik des international renommierten Künstlers Prof. Gernot Rumpf aus Neustadt an der Weinstraße: ein Pelikan als Symboltier der Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe.

Mitglieder der 15-köpfigen Jury sind: die TV-Journalistin Sabine Christiansen, der Ministerpräsident a.D. von Rheinland-Pfalz Kurt Beck, die Olympiasiegerin Katarina Witt, der Stiftungsvorsitzende Gert Rosenthal, die Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, Focus-Herausgeber Helmut Markwort, ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut (Vorsitzender der Jury), SWR-Intendant Peter Boudgoust, BASF-Vorstandsmitglied Margret Suckale, die Schauspielerin und Moderatorin Désirée Nosbusch, Rheinpfalz-Chefredakteur Michael Garthe, Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel, Europa-Park-Chef Roland Mack sowie der Initiator des Hans-Rosenthal-Ehrenpreises und Sprecher der Jury, Patrick Weiß.

Sexueller Missbrauch in Kinderpsychiatrie

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie St. Johannesstift in Marsberg gab es in den 50er und 60er Jahren massive sexuelle Übergriffe durch Pfleger und Nonnen. Das berichten Betroffene nach Jahrzehnten des Schweigens im WDR-Politikmagazin Westpol (WDR Fernsehen, Sonntag, 24.3., 19.30 Uhr).

Einer der Patienten beschreibt in der Sendung, wie ihn eine Schwester der Vincentinerinnen 1964 im Alter von 13 Jahren mehrfach in ihr Zimmer beordert habe. Dort habe er sich ausziehen müssen, die Schwester habe sexuelle Handlungen an ihm vorgenommen. Ein weiterer damaliger Patient schildert, von Nonnen immer wieder extensiv im Genitalbereich gewaschen worden zu sein.

Die Schilderungen ergänzen Berichte von Ehemaligen zu massiven Übergriffen im St. Johannesstift und an weiteren Kinder- und Jugendpsychiatrien, über die Westpol in den letzten Wochen berichtet hat. Zahlreiche Betroffene geben an, in den Einrichtungen bis in die 70er Jahre geschlagen und mit Medikamenten ruhig gestellt worden zu sein. Sie seien mit eiskalten Bädern gequält und in Einzelzellen gesperrt worden. Berichte dieser Art kommen von ehemaligen Patienten aus Kinder- und Jugendpsychiatrien in Marsberg, Bad Oeynhausen und Schleswig.

Experten halten die Schilderungen für glaubwürdig. „Das sind Einrichtungen, in denen Menschen über 24 Stunden des Tages einer Fremdbestimmung unterworfen sind, und auch keine Möglichkeit haben, über das, was ihnen dort geschieht, nach außen zu berichten, sich zu beschweren, jemanden zu finden, der ihnen zuhört. Wenn sie versuchen, innerhalb der Institution sich dagegen zu wehren, dann werden sie für diese Gegenwehr noch bestraft“, sagt der Sozialpädagoge und Psychotherapeut Manfred Kappeler.

Von der Westpol-Redaktion mit den Vorwürfen der Psychiatrieopfer konfrontiert, zeigt sich die Generaloberin der Vincentinerinnen, Schwester M. Cäcilie Müller, tief betroffenen: „Das löst in mir unendliche Betroffenheit aus und auch ein Stückchen Beschämung, wenn ich sagen muss, dass Schwestern meiner Gemeinschaft mitgewirkt haben diesbezüglich und ich möchte mich auch im Namen dieser Mitschwestern, die leider nicht mehr leben, aufrichtig entschuldigen für das ihnen zugefügte Leid.“ Mit Betroffenen, die sich an die Vincentinerinnen wenden, möchte die Generaloberin Gespräche führen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Bis 1980 waren die Nonnen im St. Johannesstift in Marsberg für Pflege und Versorgung zuständig.

Auch der Träger der Einrichtung in Marsberg, der Landschaftsverband Westfalen Lippe, hat nach den Westpol-Recherchen nun erste Konsequenzen gezogen. Der Verband lädt Betroffene zu Gesprächen ein. Meinolf Noecker, der Krankenhausdezernent des LWL sagt: „Wir stehen am Anfang der Analysen, aber die Aussagen, die uns bis jetzt vorliegen haben für mich einfach eine so hohe Glaubwürdigkeit, dass ich auch jetzt schon heute an diesem Tage diese Entschuldigung, dieses Mitgefühl, diese Anteilnahme, diesen Respekt vor dem erlittenen Schicksal ausdrücken kann und wir die Verantwortung dafür auch übernehmen. Und insofern bitten wir tatsächlich und nachhaltig und aus tiefem Herzen heraus die Betroffenen um Entschuldigung.“

Bislang haben Menschen, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen geworden sind kein Anrecht auf Entschädigung. Sie sind als Opfergruppe beim Runden Tisch „Heimerziehung“ ausgespart worden. In einer Petition an den Bundestag fordern sie, dass ihr Leid nun aufgearbeitet wird. Und sie wollen Entschädigung.

Behinderte Kinder haben ein Recht auf bessere Bildungschancen

Zur heutigen Bundestagsanhörung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungsbereich in Deutschland erklärt SoVD-Präsident Adolf Bauer:

Es wird viel über ein inklusives Bildungssystem in Deutschland gesprochen und zu wenig getan. Dabei steht längst fest, dass der Handlungsdruck groß ist.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass behinderte Kinder nach wie vor zu oft vom regulären Schulunterricht ausgeschlossen bleiben. Nur 25 Prozent der behinderten Kinder können aktuell eine Regelschule besuchen. Das ist zwar ein Zuwachs in den letzten vier Jahren, bleibt jedoch auf niedrigem Niveau.

Zugleich zeigt die Entwicklung der letzten Jahre: Die Zuweisungsraten in Förderschulen verharren in Deutschland weiter auf hohem Niveau. Denn weil die Zahl der Schüler mit Förderbedarf insgesamt immer weiter an steigt, führen höhere Integrationszahlen nicht automatisch zu sinkenden Förderschulbesuchsquoten.

Dies ist vier Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention ein verheerendes Signal. Schuld sind insbesondere ein bundesweit unabgestimmtes Vorgehen bei der Umsetzung der Konvention sowie ausbleibende Grundsatzentscheidungen in vielen Ländern. Insbesondere die ungeklärte Frage, wie Ressourcen für das inklusive Lernen von Sonderschulen an reguläre Schulen planvoll umzuschichten sind, braucht eine Antwort. Damit der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung spürbar vorankommt, müssen die Bildungspolitiker aus Bund und Ländern endlich an einen gemeinsamen Tisch und verbindliche Beschlüsse fassen. Denn Lippenbekenntnisse allein reichen nicht.

Schulsystem in Deutschland sondert Kinder weiter aus

Heute werden mehr Kinder und Jugendliche an Sonderschulen unterrichtet als vor elf Jahren. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass der Anteil der an Sonderschulen unterrichteten Kinder und Jugendlichen an allen Schülerinnen und Schülern in den letzten elf Jahren deutschlandweit angestiegen ist. Zwischen dem Schuljahr 2000/01 und 2011/12 stieg die sogenannte „Exklusionsquote“ von 4,6 % auf 4,8 % . Nachdem die UN-Behindertenrechtskonvention Deutschland vor vier Jahren zu gemeinsamem Unterricht verpflichtet hatte, war die Quote im Schuljahr 2009/10 sogar auf 5 % gestiegen und dann auf aktuell 4,8 % leicht gesunken.

Dazu erklärt der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe: „In Deutschland werden Kinder mit Behinderung im Bildungssystem nach wie vor von Kindern ohne Behinderung getrennt. Obwohl alle über Inklusion reden, passiert viel zu wenig. Die Chancen auf einen qualifizierten Schulabschluss sind schlecht, fast Dreiviertel der Abgänger von Sonderschulen verlassen sie ohne Hauptschulabschluss. Alle Bundesländer müssen sich endlich ihren Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention stellen.“

Inklusion sei derzeit vielerorts nur ein Lippenbekenntnis oder die Aussonderung von Kindern mit Behinderung nehme sogar zu, so Hubert Hüppe. So stieg etwa in Nordrhein-Westfalen zwischen 2008/09 und 2011/12 die ‚Exklusionsquote‘ von bereits überdurchschnittlich hohen 5,2 % auf 5,3 % . Gleichzeitig stieg zwischen dem Schuljahr 2008/09 und 2011/12 der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, die an Regelschulen unterrichtet wurden, von 18,4 % auf 25 % . Dieser scheinbare Widerspruch zum konstanten Anteil der an Sonderschulen unterrichteten Kinder erklärt sich mit einem gleichzeitig höheren Anteil an Kindern, bei denen sogenannter „sonderpädagogischer Förderbedarf“ festgestellt wurde.

Hubert Hüppe: „Hier wird ein erfolgloses und aussonderndes System aufrechterhalten, indem immer mehr Kinder mit dem Etikett ‚sonderpädagogischer Förderbedarf‘ versehen werden. Die Ressourcen für den Ausbau der inklusiven Bildung werden weiterhin an Sonderschulen gebunden. Es muss endlich ein echtes Umsteuern stattfinden, das Kindern mit Behinderung mehr Bildungs- und Teilhabechancen gibt.“

Tag der Kinderhospizarbeit am 10. Februar 2013

Aus Anlass des bundesweiten „Tags der Kinderhospizarbeit“ am 10. Februar hat der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, aufgerufen, sich mehr mit dem Thema Krankheit und Tod von Kindern auseinanderzusetzen. Er rief dazu auf, auch in Schulen über die Themen zu sprechen und kranke Kinder nicht aus Angst auszuschließen.

Hubert Hüppe: „Gerade in Schulen können die Themen Tod und Sterben enttabuisiert werden. Zur inklusiven Schule gehört es, dass Lehrer und Schüler sich nicht vor dem Thema fürchten. Dazu müssen Lehrerinnen und Lehrer selbst vorbereitet sein. Geeignete Konzepte für die Aus- und Fortbildung der Pädagogen sind dafür eine wichtige Voraussetzung. Kinder haben viele Fragen und wissen, ebenso wie viele Eltern, oft nicht, wie sie mit schwer kranken Mitschülern umgehen sollen. Für die betroffenen Kinder ist es wichtig, in der Schule nicht auf Ablehnung zu stoßen.“

Mit dem Tag der Kinderhospizarbeit sollen Arbeit und Angebote der Kinderhospizarbeit bekannter gemacht werden. Es geht darum, Menschen zu motivieren, sich mit den erkrankten Kindern, deren Geschwistern und Eltern zu solidarisieren, die Inhalte der Kinderhospizarbeit und ihre Angebote bekannter zu machen, Menschen für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen, ideelle und finanzielle Unterstützer zu finden und das Thema Tod und Sterben zu enttabuisieren.

Behinderte Kinder sollen weiter in Familien aufwachsen können

Kinder mit Behinderung sollen auch künftig in Pflegefamilien betreut werden können, wenn hierdurch vermieden wird, dass sie in einem Heim untergebracht werden. Das Regierungskabinett hat der Verlängerung einer entsprechenden Regelung im zwölften Sozialgesetzbuch am gestrigen Mittwoch zugestimmt. Nach derzeitiger Gesetzeslage würde die Regelung Ende 2013 auslaufen.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, begrüßt die Entscheidung des Kabinetts. Er erklärt: „Ohne die Regelung würden sich etliche örtliche Sozialämter wieder weigern, die Betreuung in einer Pflegefamilie zu tragen. In der Folge müssten Kinder mit körperlichen und sogenannten „geistigen“ Behinderungen in Heimen aufwachsen, die teilweise noch in der Verantwortung überörtlicher Sozialhilfeträger liegen.“ Auch Jugendämter hatten sich in der Vergangenheit oft geweigert, die Kosten für die Betreuung in der Pflegefamilie zu übernehmen, da sie nur für Pflegefamilien für seelisch behinderte Jugendliche zuständig seien.

Er vertraue darauf, dass Bundestag und Bundesrat die Regelung, wie in der letzten Legislaturperiode, im breiten Konsens beschließen wird, so Hubert Hüppe.

Gleichzeitig verdeutlicht der Beauftragte, dass die Verlängerung der Regelung im zwölften Sozialgesetzbuch nur eine Zwischenlösung darstellt. „Es kann nicht sein, dass Kindern Leistungen der Jugendhilfe vorenthalten werden, weil sie eine körperliche oder sogenannte ‚geistige‘ Behinderung haben. Die heutige Trennung der Kinder in unterschiedlichen Leistungssystemen führt in der Praxis oft dazu, dass Kinder mit und ohne Behinderung getrennt aufwachsen, etwa im Bereich frühkindlicher Erziehung. Die mit der Lösung der Schnittstellenprobleme zwischen Jugend- und Sozialhilfe befasste Bund-Länder-Arbeitsgruppe muss deshalb schnellstmöglich Lösungsvorschläge für gemeinsame Hilfen für alle Kinder in der Jugendhilfe vorlegen“, so der Beauftragte. Er verweist hierbei auf die gestrige Entscheidung des Bundeskabinetts, die zu verlängernde Regelung im zwölften Sozialgesetzbuch bewusst zu befristen.

Hüppe fordert bis zu dieser „Großen Lösung in der Jugendhilfe“, dass die Sozial- und Jugendhilfeträger in der Praxis besser zusammenarbeiten, als es bisher teilweise der Fall war.