Gute Pflege wichtiger Beitrag zu mehr Teilhabe

Behindertenbeauftragte begrüßt neues Pflegestärkungsgesetz und Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf

Die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele, begrüßt das heute im Bundestag beschlossene Pflegestärkungsgesetz. „Das Gesetz ist ein wichtiger Schritt in Richtung verbesserte Teilhabe für pflegebedürftige Menschen – und damit ein Schritt in Richtung Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention“, so die Beauftragte. Für Menschen mit Behinderung sind die neuen Regelungen von großer Bedeutung, da Pflegebedürftigkeit und Behinderung oftmals einher gehen.

Das neue Gesetz sieht eine Ausweitung der Leistungen für Pflegebedürfte, Angehörige und Pflegekräfte vor. Besonders wichtig aus Sicht der Beauftragten sind die Erweiterungen bei den niedrigschwelligen Betreuungs- und Entlastungsleistungen sowie die Flexibilisierung von Leistungen durch die sogenannte Umwidmungsregelung. Diese ermöglicht es Pflegebedürftigen, ihre Versorgung stärker dem eigenen Bedarf anzupassen. Auch die Stärkung von ambulanten Wohngruppen und die Erhöhung des Zuschusses für Umbaumaßnahmen sind eindeutige Signale in Richtung verbesserter Teilhabe. „Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sie dürfen nicht an den Rand der Gesellschaft abgeschoben werden. Es müssen alle Voraussetzungen geschaffen werden, damit sie so leben können, wie sie es sich wünschen – beispielsweise in ihren Familien oder auch in Wohngruppen“, erklärt Bentele.

Auch die Arbeitgeber seien in der Pflicht, ihren Beitrag zu einer menschenwürdigen Pflege – insbesondere zur Entlastung von berufstätigen, pflegenden Angehörigen – zu leisten, fordert die Beauftragte. Aus diesem Grund sei das am vergangenen Mittwoch durch das Kabinett verabschiedete Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf ein großer Fortschritt. „Ich bin optimistisch, dass diese Ansätze der Teilhabeorientierung auch in die neue Gesetzgebung der geplanten Eingliederungshilfereform einfließen. Die Grundvoraussetzung sollte immer sein, dass der Mensch mit seinen Selbstbestimmungs- und Teilhaberechten im Mittelpunkt steht“, so Bentele abschließend.

Kevin Prince Boateng engagiert sich für die Lebenshilfe

Was bisher kaum bekannt ist: Jamal, der sechsjährige Neffe des
Weltklasse-Fußballers Kevin Prince Boateng (27) hat das Down-Syndrom. Der Schalke-Profi mit Berliner Wurzeln möchte sich daher für Menschen mit Behinderung engagieren und den Verein Lebenshilfe in seiner Arbeit unterstützen. Jetzt kam er zu einem ersten Besuch in die Bundesgeschäftsstelle der Lebenshilfe am Leipziger Platz in Berlin und traf dort einige junge Leute mit Down-Syndrom. Begleitet wurde Kevin Prince Boateng von seinem älteren Bruder George und dessen Sohn Jamal.

Die Brüder Boateng zeigten sich beeindruckt von den Lebensläufen der jungen Berliner mit Down-Syndrom, die sie bei der Lebenshilfe kennen lernten. Darunter waren mit Katharina Maasberg und Addas Ahmad vom Theater Thikwa sowie mit Sebastian Urbanski vom Ensemble RambaZamba drei Schauspieler mit großer Bühnenerfahrung. Sebastian Urbanski hatte sogar schon verschiedene Filmrollen und ist gerade gemeinsam mit Kai Pflaume mit dem Lebenshilfe-Medienpreis BOBBY 2014 ausgezeichnet worden – für den NDR-Vierteiler „Zeig mir Deine Welt“, der 2013 im Ersten lief. „Wenn ich Sebastian so erlebe, dann bin ich sehr zuversichtlich, dass auch mein Neffe später einmal eine so selbstbewusste Persönlichkeit werden kann“, sagte Kevin Prince Boateng. Sein Bruder George schätzt an Menschen mit Down-Syndrom, „dass es ihnen nicht wichtig ist, ob du ein schönes Auto fährst oder viele Häuser hast – sie lieben dich, wie du bist“.

Prof. Dr. Jeanne Nicklas-Faust, Bundesgeschäftsführerin der Lebenshilfe, dankte Kevin Prince Boateng auch im Namen der Bundesvorsitzenden Ulla Schmidt für die Bereitschaft, sich für Menschen mit Behinderung einsetzen zu wollen. Die Einzelheiten der Partnerschaft werden in den nächsten Wochen besprochen, aber schon jetzt unterstützt der Fußball-Profi die Lebenshilfe mit einer großzügigen Spende. Kevin Prince Boateng dankte seinerseits für den herzlichen Empfang und die große Offenheit: „Ich will gerne helfen. Da stehe ich 100-prozentig dahinter.“

Pflege – Hauptsache billig?

In seinem Vorwort zur aktuellen Ausgabe des verbandseigenen Magazins warnt Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa), vor negativen Auswirkungen der Reform der Pflegeversicherung.

„Die Reform der Pflegeversicherung geht in die entscheidende Phase. Kurz vor der Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages wurden erstaunliche Allianzen präsentiert. Ausgerechnet KDA, AOK und der Sozialverband Deutschland treten mit der Botschaft an die Öffentlichkeit, ein zweigeteilter Pflegemarkt habe überragende Vorteile für die pflegebedürftigen Menschen und ihre Angehörigen.

Was steckt dahinter? Die Pflegereform sieht vor, mit der Hälfte der Pflegesachleistung künftig auch nicht zugelassene Leistungserbringer zu finanzieren. Der pflegebedürftige Mensch bekäme eine Rechnung irgendeiner Agentur, welche als Leistung die Betreuung oder Entlastung ausweist. Die Pflegekasse soll dann den Rechnungsbetrag an den Pflegebedürftigen überweisen, ohne sich auch nur im Geringsten dafür zu interessieren, wer denn hier als Leistungserbringer aufgetreten ist. Versprochen wird mehr Leistung für das gleiche Geld. Diese Rechnung kann aber nur dann aufgehen, wenn deutlich weniger für die eigentliche Versorgung gezahlt wird als bei einem zugelassenen Pflegedienst. Mehr Leistung kann daher nur weniger Lohn bedeuten, und weniger Lohn bedeutet in diesem Fall, dass prekäre Arbeitsverhältnisse entstehen werden.

Wer an dieser Stelle mit dem Widerstand der Politiker rechnet, die ansonsten gerne über Qualitätsstandards, strengere Prüfungen, höhere Mindestlöhne, bessere Arbeitsplatzbedingungen, Aufwertung der Pflege und Tariflöhne diskutieren, wird enttäuscht. Vor diesem Hintergrund aber in Zukunft weiter von einer Aufwertung der Pflege, besserer Bezahlung und Imagepflege zu sprechen ist unredlich und wird so nicht mehr möglich sein. In der jetzigen Auseinandersetzung geht es schlicht darum, dass die meist illegale 24-Stunden-Beschäftigung im Privathaushalt künftig aus Mitteln der Pflegeversicherung bezahlt werden soll. Die Politiker scheinen sich sicher zu sein, dass sie dafür den Applaus der Wähler erhalten werden. Der Schlüssel für die Billigpflege wird den Bundesländern unmissverständlich in die Hand gedrückt.

Ein solches Vorgehen würde in jeder anderen Branche zum Aufschrei in der Politik führen. Wäre es nicht für den Privathaushalt auch viel billiger und würde so manches Einkommensproblem lösen, wenn das eigene Haus ganz legal ohne Rücksicht auf zum Beispiel einen Mindestlohn mit aus Osteuropa vermittelten Bauarbeitern gebaut würde? Undenkbar? Beim Hausbau vielleicht, bei der Pflege keineswegs. Hauptsache billig!“

Familienangehörige von Schizophreniepatienten und -patientinnen

Fast drei Viertel der Angehörigen von Schizophreniepatienten/innen in Deutschland sind hauptsächlich oder alleine für deren Betreuung zuständig und dadurch einer enormen emotionalen, physischen und auch finanziellen Belastung ausgesetzt. Das geht aus den ersten Ergebnissen einer großen internationalen Studie hervor, die von der European Federation of Associations of Families of People with Mental Illness (EUFAMI) in Zusammenarbeit mit der Universität Leuven/Belgien durchgeführt wird. Im Rahmen einer Pressekonferenz zum World Mental Health Day, der dieses Jahr am 10. Oktober stattfindet und das „Leben mit Schizophrenie“ zum Thema hat, stellt die deutsche EUFAMI-Repräsentantin Janine Berg-Peer fest: „Viele der betreuenden Angehörigen sind oft jahrelang nicht in der Lage, eine Auszeit zu nehmen und erreichen häufig ihre persönliche Belastungsgrenze.“

Die ersten Forschungsergebnisse des noch andauernden „EUFAMI Carers‘ Survey“ liegen jetzt vor und basieren auf Befragungen in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Großbritannien, Australien und Kanada. Die Studie wurde von EUFAMI in Zusammenarbeit mit der interdisziplinären Forschungsstelle LUCAS der belgischen Universität Leuven durchgeführt und ausgewertet. Aus Deutschland liegen die Ergebnisse von 60 befragten Angehörigen von Schizophreniepatienten/innen vor. „Die aktuellen Studienergebnisse offenbaren nicht nur den unglaublichen Einsatz, den die Betreuer schizophrener Patienten/innen zeigen. Sie verdeutlichen uns auch, wie belastend die Pflege für das Leben der Angehörigen ist“, erklärte Hilde Lauwers, Forschungskoordinatorin am Zentrum für Versorgungsforschung und Beratung (LUCAS) an der belgischen Universität Leuven, in Berlin.*

Sorgen um die eigene Zukunft – und um die der erkrankten Angehörigen

Angehörige kümmern sich durchschnittlich 19 Stunden (Deutschland) bzw. 23 Stunden pro Woche (international) um ein Familienmitglied mit Schizophrenie – das entspricht einem Teilzeitjob. Im Schnitt üben sie diese Funktion bereits seit 16 Jahren aus und müssen dies sehr wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens weiterhin tun, da die Schizophrenie-Erkrankung meist lebenslang ist und ohne viel Spielraum für Atempausen verläuft. Da meist die eigenen Kinder betreut werden (Deutschland: 87%, international: 84%), sind viele Studienteilnehmer/innen tief besorgt darüber, wie es weitergehen soll, wenn sie sich selbst nicht mehr kümmern können. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen durch die Betreuungsaufgabe.

Mehr Unterstützung durch Fachpersonal erwünscht

Der Ländervergleich zeigte, dass Angehörige in Deutschland insgesamt unzufriedener mit der professionellen Unterstützung durch Ärzte und Pflegepersonal sind, dafür aber zufriedener mit Patienten- und Angehörigen-Verbänden als die Gesamtheit der Befragten. „Das Fachpersonal im Gesundheitswesen sollte stärker dafür sensibilisiert werden, die Funktion und Leistung von Angehörigen anzuerkennen. Optimal wäre es, wenn sie die Familienmitglieder als Partner/innen sehen und mit ihnen zusammenarbeiten würden, um langfristig bessere Ergebnisse für die Patienten/innen zu erzielen“, betonte Berg-Peer.

Sie wies in ihrem Fazit zum World Mental Health Day 2014 auf die Dimension des Betreuungsaufwands hin: „In der EU kümmern sich täglich schätzungsweise zehn Millionen Menschen um ihre schwer psychisch erkrankten Angehörigen. Sie sind engagiert und durch die familiäre Nähe zum/zur Patienten/in in hohem Maße emotional selbst betroffen.“ Die Arbeitskraft all dieser Menschen sei ein Rettungsanker für die Gesellschaft. „Wir müssen sicherstellen, dass ihr Beitrag anerkannt wird, sie geschützt und unterstützt werden und dass ihre Stimmen gehört werden.“

Quelle
*Pressekonferenz EUFAMI Carers‘ Survey, 09. Oktober 2014, Berlin

Diskussionen über die aktuelle Studie und den World Mental Health Day können Sie auf der Facebook-Seite der EUFAMI verfolgen: https://www.facebook.com/pages/EUFAMI/127281550633653