Behinderte und nicht-behinderte Kinder in der Kinderbetreuung nicht trennen

Aus Anlass der 2./3. Beratung des Gesetzes zur zusätzlichen Förderung von Kindern unter drei Jahren in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege, mit dem die Bundesregierung weitere 580,5 Millionen Euro für Investitionen und Betriebskosten für 30.000 zusätzliche Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung stellt, erklärt der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe:

„Es ist gut, dass der Bund zusätzliche Mittel für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren zur Verfügung stellt. Damit wird deutlich, wir meinen es ernst mit dem Ausbau der Kinderbetreuung. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, weiter in die gemeinsame Betreuung von behinderten und nichtbehinderten Kindern zu investieren. Ich wünsche mir, dass Städte und Gemeinden, wenn sie neue Einrichtungen schaffen, dieses Geld für den Auf- und Ausbau inklusiver Einrichtungen einsetzen. Somit wird Inklusion spielerisch Wirklichkeit und man muss die Kinder nicht mit viel Aufwand später wieder zusammenbringen. Die Eltern wollen diese gemeinsame Betreuung und die Kinder lernen hier von Anfang an, dass jeder dazugehört, ganz egal ob mit oder ohne Behinderung.
Wer Inklusion wirklich als Menschenrecht ernst nimmt, darf nicht länger getrennte Gruppen für Kinder schaffen.“

Neuer Ausweis für schwerbehinderte Menschen im Scheckkartenformat

Seit dem 1. Januar 2013 werden die ersten neuen Schwerbehindertenausweise im Scheckkartenformat ausgestellt. „Damit wird eine langjährige Forderung der Lebenshilfe erfüllt“, so die Bundesvorsitzende und frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (MdB). Wiederholt hätten sich Menschen mit Behinderung in der Lebenshilfe und darüber hinaus dafür eingesetzt, dass der bisherige etwa postkartengroße Ausweis samt Beiblatt und Wertmarke kleiner und einfacher wird.

Den einzelnen Bundesländern ist freigestellt, wann genau sie den neuen Ausweis einführen. Die Umstellungszeit reicht vom 1. Januar 2013 bis zum 31. Dezember 2014. Die Frist endet spätestens am 1. Januar 2015; ab diesem Zeitpunkt dürfen Ausweise nur noch in der neuen Form ausgestellt werden.

Auf Nachfrage beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales erfuhr die Lebenshilfe, dass bisher nur Brandenburg, Rheinland-Pfalz und das Saarland den Ausweis in Scheckkartengröße ausstellen würden. Die anderen Bundesländer planten die Einführung im Laufe des Jahres, spätestens Anfang 2014.

Die alten Ausweise behalten bis zu ihrem zeitlichen Ablauf ihre Gültigkeit, so dass eine Umtauschaktion nicht erforderlich ist. Allerdings, so die Lebenshilfe, sollten die Menschen mit Behinderung dort, wo die neuen Ausweise schon eingeführt sind, die alten abgeben können. Das scheint noch nicht überall zu funktionieren. Bei der Lebenshilfe meldete sich eine Mutter, die den Ausweis ihres autistischen Sohnes vergeblich umtauschen wollte. Das Dokument müsse erst abgelaufen sein, teilte ihr das zuständige Amt mit. Der Schwerbehindertenausweis des Sohnes ist allerdings unbefristet – so, wie der vieler anderer behinderter Menschen auch, bei denen keine Änderung ihrer Behinderung zu erwarten ist.

Nun fragt sich die Mutter: „Muss mein Kind seinen Ausweis absichtlich verlieren, um den neuen zu bekommen? Das kleinere Format wollten wir doch vor allem, damit beim Vorzeigen im Bus oder anderswo nicht gleich alle umstehenden Personen von der Schwerbehinderung was mitbekommen.“

Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Ulla Schmidt fordert die Länder auf, den Schwerbehindertenausweis im Scheckkartenformat jetzt so schnell wie möglich einzuführen und dafür zu sorgen, dass auch unbefristete Ausweise auf Wunsch umgetauscht werden können.

Entwicklung einer Smartphone-Navigation für Blinde und Sehbehinderte

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, hat die Entwicklung einer neuen Smartphone-Navigation für Blinde und Sehbehinderte begrüßt. Damit sollen sie künftig mit Hilfe eines Smartphones zu ihren Zielen auch innerhalb von Gebäuden finden können. „Es gibt bereits erste ermutigende Erfahrungen bei der Entwicklung von Navigationsmöglichkeiten von Smartphones für Menschen mit Behinderungen. So greift das Projekt Erfahrungen aus dem westfälischen Soest auf und wird sie weiterentwickeln.“ so Hubert Hüppe.

Das neuartige Navigationssystem mit dem Namen m4guide wird in Berlin entwickelt. Die Stadt wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie dafür ausgewählt. Mit m4guide werden Blinde und Sehbehinderte zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit Hilfe eines Smartphones zum Ziel geführt. Dies soll sowohl draußen als auch innerhalb von Bahnhöfen möglich sein. Neu ist insbesondere:

– eine punktgenaue Ortung im Blindenstockradius,
– eine Ortung und Navigation auch innerhalb von Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden,
– die Berücksichtigung von Hindernissen und Gefahrenstellen.

„Ein solches Navigationssystem kann auch ein echter Mehrwert für Menschen ohne Behinderungen sein und ihnen künftig die Orientierung in unbekannter Umgebung erleichtern,“ so Hubert Hüppe.
Laut Information der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wird das Reiseinformations- und Navigationssystem m4guide gemeinsam mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, dem Landkreis Soest und fünf weiteren Partnern aus Forschung, IT- und Verkehrsunternehmen entwickelt.

Nähere Informationen zu dem Projekt finden Sie hier.

Barrierefreiheit von Ausflugsschiffen

Das Portal für barrierefreien Tourismus Wato.de veröffentlicht seine Umfrage zum barrierefreien Reisen auf Ausflugsschiffen. Über 250 Reedereien wurden hierbei um Auskunft gebeten. 194 Unternehmen reagierten nicht. Die letztlich teilnehmenden 40 Unternehmen schätzten die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer auf ihren Schiffen durchschnittlich mit der Schulnote Gut ein. Diese Selbsteinschätzung wurde durch den Fragebogen auf die Probe gestellt.

Selbsteinschätzung und Wirklichkeit
Wato.de zeigt durch die Umfrage eine erstaunliche Differenz zwischen der Selbsteinschätzung der Unternehmen und den Antworten auf die detaillierten Fragen zur Barrierefreiheit. So gaben sechs Reedereien an, eine Zertifizierung zur Zugänglichkeit zu besitzen. Jedoch konnte keine von ihnen eine einzige richtige Zertifizierung benennen. Die genaue Erfragung der Konditionen an Bord der Schiffe zeigt laut Wato.de weitere interessante Einblicke. So schätzen sich die Unternehmen selbst als sehr gut bis gut für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer ein, aber nur bei 15 Prozent der Schiffe war das Oberdeck mit dem Rollstuhl erreichbar. Bei den meisten Schiffen können sich mobilitätseingeschränkte Reisende somit nur im unteren Deck aufhalten.
Die Toiletten, Restaurants und Shops auf den Schiffen sind nicht immer für Rollstuhlfahrende zugänglich. Die Zugänglichkeit des Boardings gestaltet sich auf 17 Schiffen sehr gut. Weitere 20 Schiffe sind jedoch nur mit Hilfe erreichbar und somit nur eingeschränkt zugänglich. Zwischenstationen und Ausflugsziele sind überwiegend nur mit Hilfspersonen zu besuchen. Selbst die Anreise zum Ableger ist für Rollstuhlfahrer bei einigen Schiffen nur mit Hilfe oder sogar überhaupt nicht umsetzbar.

Hilfeleistungen an Bord
Erfreulich stellt sich das Angebot der Assistenz auf dem Schiffen dar. Die Hälfte der Reedereien haben ein Prozent Rollstuhlfahrende unter den Passagieren, die laut 36 von 40 antwortenden Reedereien Hilfestellungen erwarten können. Die anderen vier Unternehmen bieten Hilfeleistungen auf Anfrage. Somit können Rollstuhlfahrer auf den Ausflugsschiffen aller teilnehmenden Reedereien auf Hilfestellungen setzen.

Selbstständiges Reisen gestaltet sich oft schwierig
„Das selbstständige Reisen ist im Rahmen der Gleichstellung und Inklusion ein wichtiger Bestandteil der Lebensgestaltung,“ so Sabine Wiedamann von Wato.de, „es ist erfreulich, wie zuverlässig die Hilfeleistungen auf den Schiffen angeboten wird, aber zugleich sind Einschränkungen auf den Schiffen immer noch ausgeprägt. Solange bei der Mehrheit der Schiffe das Oberdeck nicht für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer erreichbar ist, kann man nicht von barrierefreien Schifffahrten sprechen. Hier mangelt es noch an der Umsetzung gleichberechtigter Reisebedingungen für alle Fahrgäste.“

Gruppenreisen für Rollstuhlfahrer
Der letzte Punkt des Fragebogens widmet sich den Gruppenreisen von Rollstuhlfahrern. Hierbei bezeichneten 16 der Reedereien ihre Schiffe als uneingeschränkt für Rollstuhl-Gruppenreisen geeignet. Gruppenreisen mit Begleitpersonen können 21 Unternehmen unterstützen. Sechs der 40 Schiffe sind völlig ungeeignet für Reisen größerer Gruppen. Abhängig vom Ausflugsschiff können zwischen zwei und 60 Rollstuhlfahrer an Bord ausreichend Platz finden, um eine Gruppenreise umzusetzen.
Link zur Umfrage: http://www.wato.de/165/umfrage-barrierefreiheit-ausflugsschiffe-2012.html

„Wegweiser durch die digitale Welt“ jetzt auch als Hörbuch für blinde und sehbehinderte Menschen

Die von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) herausgegebene Broschüre „Wegweiser durch die digitale Welt für ältere Bürgerinnen und Bürger“ ist jetzt auch als Hörbuch für blinde und sehbehinderte Menschen erschienen. Freundschaften pflegen, Einkäufe tätigen, Behörden kontaktieren – das Hörbuch und die Broschüre bieten besonders älteren Menschen wertvolle Ratschläge zum sicheren Surfen im Internet und erläutern die Chancen und Risiken des World Wide Web. Aber auch junge Internetnutzer dürften zahlreiche nützliche Tipps finden.

Mit Unterstützung des Bundesverbraucherministeriums konnte die BAGSO die Informationen in Kooperation mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) nun auch für blinde und sehbehinderte Menschen als Hörfassung aufbereiten. Die CD mit Hinweisen zur barrierefreien Internetnutzung wurde im DAISY-Format erstellt. Mit einem entsprechenden Abspielgerät kann man im Text navigieren. Auch mit gängigen CD-Playern lässt sich die CD anhören, sofern die Player MP3-fähig sind.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts leiden sechs Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre unter großen Sehschwierigkeiten oder vollständigem Sehverlust. Mit steigender Lebenserwartung nimmt die Anzahl altersbedingter Augenerkrankungen zu. Gerade für Menschen mit wenig oder ohne Sehvermögen bietet das Internet neue Informations- und Kommunikationswege. So können etwa Nachrichten vergrößert am Monitor gelesen werden statt kleingedruckt in Zeitungen. Webinhalte können mithilfe eines „Screenreaders“ vorgelesen werden. Auf diese Weise kann das Internet mit seinen Informationen und Ratschlägen zu Gesundheit, barrierefreiem Reisen, zum Einkauf oder zu Bankgeschäften für Personen mit eingeschränktem Sehvermögen ein lohnender Ort für die Recherche und ein hilfreiches Instrument werden, den Lebensalltag zu erleichtern.
(Quelle: BAGSO)

Das Hörbuch „Wegweiser durch die digitale Welt für ältere Bürgerinnen und Bürger“ kann kostenfrei als CD bei der BAGSO bestellt oder heruntergeladen werden:

Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e. V. (BAGSO)
Bonngasse 10, 53111 Bonn
Tel.: 02 28 / 24 99 93-0, Fax: 02 28 / 24 99 93-20
E-Mail: kontakt@bagso.de, Internet: www.bagso.de

Weitere Bezugsquellen sind:

Deutsche Blindenstudienanstalt e. V.
Am Schlag 8/10, 35037 Marburg
Tel.: 0 64 21 / 60 60, Fax: 0 64 21 / 60 62 29
E-Mail: info@blista.de, Internet: www.blista.de

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e. V.
Rungestraße 19, 10179 Berlin
Tel.: 0 30 / 28 53 87-0, Fax: 0 30 / 28 53 87-200
E-Mail: info@dbsv.org, Internet: www.dbsv.org

Die Printversion der Broschüre „Wegweiser durch die digitale Welt“ – ohne den Spezialteil für blinde und sehbehinderte Personen – kann zudem bestellt werden beim:
Publikationsversand der Bundesregierung
Postfach 48 10 09, 18132 Rostock
E-Mail: publikationen@bundesregierung.de oder telefonisch unter der Rufnummer
0 18 05 / 77 80 90 (0,14 €/Min, abweichende Preise aus den Mobilfunknetzen möglich)

Behindertenverbände begrüßen barrierefreie Angebote der ARD

Vertreter von Behindertenverbänden haben den Ausbau des barrierefreien Angebots innerhalb der ARD begrüßt. Dafür könne man auch akzeptieren, dass Menschen mit Behinderungen seit dem 1. Januar einen ermäßigten Rundfunkbeitrag zahlen. Das erklärten die Verbandsvertreter nach Treffen mit dem Norddeutschen Rundfunk, der in der ARD bei dem Thema Barrierefreiheit die Federführung hat.

Hans-Werner Lange, Vizepräsident des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, betonte, die neue Beitragsregelung werde weiter von den Verbänden unterstützt: „Wir haben bei der Entscheidung über den neuen Rundfunkbeitrag gesagt, dass wir mit einem ermäßigten Beitrag für Blinde einverstanden sind, wenn es dafür im Gegenzug mehr barrierefreie Angebote gibt. Daran hat sich nichts geändert. Da die Angebote nun ausgebaut werden, geht der neue Beitrag für Blinde auch in Ordnung.“

Anders als der Sozialverband Deutschland akzeptieren die Verbände, dass auch Menschen mit Behinderungen jetzt nicht mehr vollständig vom Rundfunkbeitrag befreit sind. „Wir haben gegen einen ermäßigten Beitrag keine Einwände“, sagte Alexander von Meyenn, Vizepräsident des Deutschen-Gehörlosen-Bundes. „Uns geht es um ein umfassendes Angebot für Gehörlose. Wir sehen, dass die ARD und der NDR hier sogar schneller vorankommen als angekündigt.“

Ähnlich äußerten sich die norddeutschen Schwerhörigenverbände. Adelheid Munck, die Landesvorsitzende in Schleswig-Holstein des Deutschen Schwerhörigenbundes, erklärte: „Wir begrüßen den Ausbau. Die ARD und der NDR sollten ihre Bemühungen fortsetzen, insbesondere bei der Untertitelung und der Tonqualität.“

Der ARD-Vorsitzende und NDR Intendant Lutz Marmor, der sich in der ARD seit Jahren für die Barrierefreiheit engagiert, sagte: „Uns ist wichtig, dass wir alle Menschen mit unseren Programmen erreichen. Deshalb setzen ARD und NDR bei der Barrierefreiheit einen Schwerpunkt und bauen die Angebote deutlich aus. Ich freue mich, dass dieses Engagement von den Verbänden positiv bewertet wird.“

Die angekündigten Pläne zur Erweiterung der barrierefreien Angebote, insbesondere der Untertitelung und der Audiodeskription werden von allen ARD-Sendern konsequent umgesetzt. Bis Ende des Jahres sollen alle Erstsendungen im Ersten mit einer Videotext-Untertitelung für Gehörlose und Schwerhörige angeboten werden. Viele weitere Sendungen im Ersten werden bereits seit Anfang des Jahres mit Untertiteln angeboten, beispielsweise das Morgen- und Mittagsmagazin sowie die Serien und Spielfilme am Hauptabend.

Zudem werden im Hauptabendprogramm des Ersten bis Ende des Jahres alle fiktionalen Formate sowie sämtliche Tier- und Naturdokumentationen mit einer Audiodeskription, also einer Hörfilmfassung für Blinde, angeboten.

Seit dem 1. Januar gilt für bislang von der Gebühr befreite Menschen mit Behinderungen ein ermäßigter Beitrag von 5,99 EUR pro Monat. Wer wirtschaftlich nicht in der Lage ist (z.B. Hartz IV-Empfänger), den Rundfunkbeitrag zu zahlen, kann sich befreien lassen.

„Selbstbestimmt dabei. Immer.“

Gemeinsam mit zahlreichen Prominenten aus Film, Sport und Musik haben die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen am Dienstag das Jahr „Selbstbestimmt dabei. Immer.“ gegen die Diskriminierung behinderter Menschen ausgerufen. Im Vordergrund des Themenjahres 2013 stehen bundesweite Veranstaltungen und Aktionen, die auf Benachteiligungen behinderter und chronisch kranker Menschen im Arbeitsleben, im Bereich Bildung und im Alltag aufmerksam machen.

Der größte Teil der Anfragen an die Antidiskriminierungsstelle – etwa ein Viertel, in Zahlen sind das 2200 Fälle seit 2006 – kommen von Menschen, die sich wegen einer Behinderung benachteiligt fühlen. „Das sind Zahlen, die zeigen, wie groß der Handlungsbedarf ist“, sagte ADS-Leiterin Christine Lüders bei der Auftakt-Pressekonferenz in Berlin. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der ADS ergab darüber hinaus, dass mit dem Wort Behinderung jede(r) fünfte Deutsche „Benachteiligung“ und „Diskriminierung“ verbindet – und dies, obwohl Diskriminierung von behinderten Menschen gesetzlich verboten ist.

„Vor allem im Arbeitsleben und im Bereich Bildung werden behinderte Menschen benachteiligt. Ein Grund dafür ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung in getrennten Lebenswelten aufwachsen. Das führt zu Berührungsängsten und zu Vorbehalten in Schule und Arbeitswelt“ erläuterte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe. Darüber hinaus hätten Menschen mit chronischen Krankheiten oft nicht den gleichen Diskriminierungsschutz wie behinderte Menschen, obwohl sie sich häufig in einer ähnlichen Lage befinden, sagte Lüders: „Angesichts des demografischen Wandels ist das ein großes Problem. Bereits heute sind mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland chronisch krank. Diese Zahl wird deutlich steigen“.

Lüders und Hüppe forderten, strukturelle und bürokratische Barrieren abzubauen, um Menschen mit Behinderungen den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern. „Immer mehr Menschen mit Behinderung kommen gleich nach der Sonder- oder Förderschule in Werkstätten für behinderte Menschen. Dabei wollen viele behinderte Menschen keine Sonderwelten, sondern auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“, sagte Lüders.
„Im Bildungsbereich müssen die Länder ihre Anstrengungen zum Ausbau des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Kindern deutlich verstärken und die Inklusion wirklich voranbringen, anstatt bestehende Sondersysteme zum Teil noch auszubauen“, sagte Hüppe. Nach Angaben der von der ADS in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage glauben zwar rund zwei Drittel der Befragten, dass Inklusion in Deutschland funktionieren wird, wenn die entsprechenden Mittel dazu vorhanden sind. Knapp 40 Prozent aller 18-29-Jährigen glauben dies jedoch nicht. „Uns muss diese Zahl sehr nachdenklich machen. Ganz offensichtlich ist das die Konsequenz getrennter Lebenswelten“, sagte Lüders.

Prominente Botschafter, Good-Practice-Preis und Aktionswoche
Zahlreiche Prominente unterstützen die ADS und den Beauftragen der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen beim Themenjahr „Selbstbestimmt dabei. Immer.“: Die Eiskunstläuferin Katarina Witt, die TVtelevision-Journalistinnen Bettina Eistel und Nina Ruge, die Fotomodels Melek Civantürk, Nina Wortmann und Mario Galla, die Schauspieler/innen Erwin Aljukic, Bobby Brederlow, Irene Fischer und Dr. Peter Radtke sowie die Paralympics-Stars Anna Katharina Schaffelhuber, Manuela Schmermund und Jochen Wollmert.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berief darüber hinaus den Berliner Universitätsprofessor Ernst von Kardorff zum wissenschaftlichen Koordinator des Themenjahres. Kardorff wird auf einem hochrangig besetzten Fachkongress im Sommer mehrere umfassende, von der ADS in Auftrag gegebene Studien zu den Themen „Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen“, „Benachteiligungen aufgrund chronischer Krankheiten“ und „barrierefreie Dienstleistungen“ vorstellen. Zu den weiteren Schwerpunkten des Themenjahres zählen eine Aktionswoche gegen Diskriminierung im September und die Verleihung eines Good-Practice-Preises für Unternehmen im November. Lüders: „Wir wollen damit ein ganz klares Zeichen an Eltern, an Schulen sowie an öffentliche und private Arbeitgeber aussenden, offener mit Vielfalt umzugehen. Es ist normal, verschieden zu sein!“

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist mit Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) im August 2006 gegründet worden. Ziel des Gesetzes ist es, Diskriminierung aus rassistischen Gründen oder wegen ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. www.antidiskriminierungsstelle.de

Jakob Muth-Preis für inklusive Schule

Es ist eines der meistdiskutierten Themen in der Schulpolitik: das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Seit vor vier Jahren eine UN-Konvention in Kraft trat, die auch für Kinder mit besonderem Förderbedarf Zugang zu Regelschulen fordert, treiben viele Bundesländer die Inklusion voran. Die Herausforderungen, die das gemeinsame Lernen an die Schulen stellt, sind groß. Denn sie sollen jeden Schüler – ob mit oder ohne Behinderung – individuell bestmöglich fördern. Dass etliche Schulen dies bereits schaffen, zeigt der Jakob Muth-Preis, der am kommenden Mittwoch (23.1.) zum vierten Mal verliehen wird. Mit ihm werden seit 2009 jährlich Schulen ausgezeichnet, die vorbildlichen inklusiven Unterricht anbieten. In diesem Jahr kommen die Preisträger aus Bonn, Jena und Kassel. Die Siegerschulen erhalten ein Preisgeld von jeweils 3.000 Euro.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, die Deutsche UNESCO-Kommission, die Sinn-Stiftung sowie die Bertelsmann Stiftung würdigen mit dem Preis die Leistung von Schulen, die besonders überzeugende Konzepte für das gemeinsame Lernen entwickelt haben. Die Ketteler-Grundschule in Bonn, die Grundschule an der Trießnitz in Jena und die Offene Schule in Kassel, eine Gesamtschule, haben die Jury mit ihren ganzheitlichen Konzepten überzeugt: Alle drei Preisträger sind Ganztagsschulen, in denen feste Teams aus Fach- und Förderlehrern, Sozialpädagogen und Erziehern die jeweilige Lerngruppe über die gesamte Schulzeit betreuen. Die Schulen setzen im Unterricht auf verschiedene Lernformen, -methoden und -ziele, um jedes Kind optimal in seiner Entwicklung zu begleiten.

Alle drei Preisträgerschulen begreifen sich als Lern- und Lebensraum, der viele über den Unterricht hinausgehende Angebote macht – vom gemeinsamen Mittagessen über ein Blasorchester bis zur Zirkus-AG. Die Schulen kooperieren mit Logopäden, Ergotherapeuten und Sportvereinen und schaffen insgesamt ein Klima, in dem jedes Kind als eigene Persönlichkeit wertgeschätzt wird. In der Kettelerschule in Bonn trägt zur guten Atmosphäre auch ein ausgebildeter Schulhund bei. Der Erfolg ist messbar: Seit 2006, als die Schule den Weg zur inklusiven Schule einschlug und auf jahrgangsübergreifenden Unterricht umstellte, hat sich der Anteil der Schüler verdoppelt, die anschließend aufs Gymnasium gehen. Der Anteil der Schüler, die auf eine Realschule wechseln, ist mittlerweile sogar fast drei Mal so hoch.

Während die Bonner Kettelerschule seit sieben und die Jenaer Grundschule seit elf Jahren die Entwicklung zur inklusiven Schule intensiv vorantreiben, blickt die Kasseler Gesamtschule bereits auf 20 Jahre gemeinsames Lernen zurück. „Der Weg zur Inklusion braucht engagierte Kollegien, gut ausgebildete Lehr- und Fachkräfte, schlüssige Konzepte und auch Zeit“, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Er richtete den Appell an die Politik, Schulen die notwendige Unterstützung und Entwicklungsräume zu gewähren, um den Weg zum inklusiven Lernen ähnlich erfolgreich beschreiten zu können wie die Gewinner des Jakob Muth-Preises. Denn, so Dräger: „Inklusives Lernen braucht die Akzeptanz und das Vertrauen der Eltern – und das entsteht nur, wenn kein Schüler unter- oder überfordert ist. Bei der Inklusion ist Qualität wichtiger als Geschwindigkeit.“

Rund eine halbe Million Kinder in Deutschland haben diagnostizierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Noch immer besuchen 78 Prozent dieser Kinder eine Förderschule, werden also getrennt unterrichtet. Zwar ist nur in zwei Bundesländern, Bremen und Hamburg, der Rechtsanspruch auf den Besuch einer Regelschule im Schulgesetz verankert, fast alle Bundesländer jedoch treiben das inklusive Lernen voran. Mit höchst unterschiedlichem Tempo: Während in Hessen 14,8 und in Niedersachsen 8,5 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden, besuchen in Schleswig-Holstein die Hälfte und in Berlin und Bremen mehr als 40 Prozent aller lern- oder körperbehinderten Schüler eine Regelschule.

„Die Gewinner des Jakob Muth-Preises machen allen Schulen Mut, mehr Inklusion zu wagen“, sagte Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises „Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission, betonte, dass die erfolgreiche Arbeit in vielen Schulen vor Ort einen unentbehrlichen Beitrag zur Umsetzung inklusiver Bildung in Deutschland leistet. „Denn es gibt noch viel zu tun, bis wir die Verpflichtungen der UN-Behindertenrechtskonvention erfüllen,“ so Erdsiek-Rave. Christian Rauschenfels, Vorstandsvorsitzender der Sinn-Stiftung, zeigte sich zufrieden, dass „immer mehr LebensLernOrte eine Kultur gelebter Inklusion erfahrbar machen – so wie es unsere Preisträgerschulen täglich leisten.“

Der Preis ist benannt nach einem Vorkämpfer und Wegbereiter des gemeinsamen Lernens von behinderten und nicht behinderten Kindern, dem Pädagogen Jakob Muth (1927-1993). Mit der Auszeichnung wollen die Projektträger positive Beispiele für gemeinsamen Unterricht bekannt machen und zur Nachahmung anregen. Für den Jakob Muth-Preis beworben hatten sich in diesem Jahr 70 Schulen aus ganz Deutschland. Die Preisverleihung ist medienöffentlich und findet am 23. Januar ab 10:30 Uhr in der Kettelerschule in 53121 Bonn, Siemensstr. 248, statt.

Steuergelder nicht gegen Rechte von Menschen mit Behinderungen verstoßen

Am Dienstag, dem 22. Januar 2013 um 12.30 Uhr, werden führende europäische Behindertenrechtsorganisationen, begleitet von den Abgeordneten Michael Cashman und Margrete Auken, im Europäischen Parlament über den Missbrauch von EU-Steuergeldern sprechen, um Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen zu institutionalisieren.

Schätzungsweise 1,2 Millionen Europäer mit Behinderungen werden in Langzeitinstitutionen eingesperrt. Menschen, die in Einrichtungen leben, sind isoliert und werden oftmals missbraucht, Grundrechte wie Bildung und Beschäftigung werden verweigert und ihre Würde geraubt. Institutionalisierung verstößt gegen die Charta der Grundrechte, der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen und der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte. Obwohl einige mittel- und osteuropäischen Länder Strukturfonds genutzt haben, um Institutionen zu bauen und aufrechtzuerhalten, wurden keine nennenswerten Maßnahmen der Europäischen Union getroffen, um sich mit diesen Verstößen gegen das EU-Recht zu befassen.

Die Open Society Foundations, von regionalen Behindertenrechts- und Selbsthilfeorganisationen begleitet, einschließlich der Association for Self-Advocacy und der Ungarischen Civil Liberties Union, haben eine Petition an das Europäischen Parlaments gerichtet, um sicherzustellen, dass die nächste Runde der Strukturfonds-Teil der 2014-2020 Kohäsionspolitik wird in diesem Jahr entschieden-nicht den Bau oder die Renovierung von Einrichtungen unterstützt. Menschen mit Behinderungen haben das Recht, Mitglieder ihrer Gemeinde zu sein und innerhalb ihrer Gemeinde Dienstleistungen zu erhalten.

WANN: Dienstag, 22. Januar 2013

WO:Europäisches Parlament, Privater Diningroom der Mitglieder Erfrischungen und Kaffee werden zur Verfügung gestellt

WAS: Medienlunch über den Behindertenmenschenrechtschutz in der 2014-2020 Kohäsionspolitik.

WER: Michael Cashman-MEP (S&D) Senada Halilcevic-Präsident, Europäische Plattform of Self-Advocates, Präsident, Verband für Self-Advocacy, Kroatien, ehemalige Bewohner von einer Institution in Kroatien Judith E. Klein-Direktor, Initiative für psychische Störungen, Open Society Foundations Camilla Parker-Co-Autor der Europäischen Union und dem Recht auf Leben in der Gemeinschaft Michael Ralph-Berater zum stellvertretenden Generaldirektor, Generaldirektor für Regionalpolitik und Städtebau Margrete Auken-MEP (Grüne/EFA)

Für eine Kopie der Petition an das Europäische Parlament besuchen sie bitte:

http://www.opensocietyfoundations.org/sites/default/files/petition-eu-parliament-20121018.pdf

Streit über Kosten der Inklusion Unfair

Die Luft wird rauer zwischen Landesregierung und Kommunen. Wie immer, wenn zwischen den beiden Streit entsteht, geht es um Geld. So auch bei dem Aufsehen erregenden gemeinsamen Warnruf der Spitzenvertreter von Kommunen und Lehrern. Formaljuristisch hat die Landesregierung gute Karten in dieser Auseinandersetzung, denn die beabsichtigte 9. Schulgesetznovelle schafft nicht wirklich neue Tatbestände, sondern definiert den schon jetzt bestehenden Anspruch förderbedürftiger Schüler nur präziser. De facto aber werden natürlich neue Tatbestände geschaffen. Der besondere Förderbedarf für behinderte Schüler wird ja nicht kleiner, wenn die Förderschulen auslaufen. Im Gegenteil. Hatten die Assistenten in den Förderschulen vier oder fünf Schüler zu betreuen, kann es in der Regelschule auch nur ein Kind sein. Das erfordert mehr Personal als bislang. Kosten, die die Kommunen nicht tragen wollen und können. Die UN-Behindertenkonvention haben Bund und Länder ratifiziert. Die Folgen der guten Tat mit einem Taschenspielertrick den Kommunen zuzuschustern, wäre unfair.
Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar von BERNHARD HÄNEL