„Ziemlich beste Freunde“

Um Film und Wirklichkeit von Menschen mit Behinderung ging es in der Podiumsdiskussion zu dem Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“, zu der der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe, MdB am 26. September 2012 ins Kleisthaus eingeladen hatte. Mehr als 200 behinderte und nicht behinderte Besucher verfolgten den Film und die Podiumsdiskussion.

Die Hörfilmfassung der Deutschen Hörfilm GmbH und die Diskussion mit anschließendem Empfang fand breiten Anklang bei den Zuschauerinnen und Zuschauern. Die Podiumsdiskussion wurde moderiert durch Nina Ruge. Gäste waren Dr. Sigrid Arnade (u.a. Vorsitzende der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V.), Anno Saul (Regisseur des Films „Wo ist Fred“), Jana Zöll (Schauspielerin) und Hubert Hüppe. Sie diskutierten über die Fragen, was den Film so populär macht und was er mit dem Leben von Menschen mit Behinderung in Deutschland zu tun hat.

Die Gesellschaft sei immer noch gehemmt im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Noch immer sei der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Behinderung nicht alltäglich, so das Podium. Heute gingen Kinder mit und ohne Behinderung meist noch auf getrennte Schulen, gab Hubert Hüppe zu bedenken. So könne eine Gesellschaft nicht zusammenwachsen. Sigrid Arnade erklärte sich die Hemmungen der nicht Behinderten so, dass Menschen mit Behinderung meist mit einem tragischen Schicksal in Verbindung gebracht und auf die Behinderung reduziert würden. Der Grund für die außergewöhnliche Freundschaft der beiden Hauptfiguren im Film sei durch ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft zu erklären. Die Angst vor Ausgrenzung sei aber allen Menschen bekannt, weshalb der Film solchen Anklang gefunden habe. Der Film lebe durch die Unbefangenheit der Charaktere.

Anno Saul meinte, politische Korrektheit helfe im Umgang mit Menschen mit Behinderung wenig, wenn sie dazu führe, den Kontakt zu meiden. Hüppe schlug vor, trotz Hemmungen einfach den Kontakt zu suchen, auch wenn man Angst habe, mal was falsches zu sagen. Die beiden Rollstuhlfahrerinnen auf dem Podium, Sigrid Arnade und Jana Zöll ermunterten Menschen ohne Behinderung zum Kontakt, da Menschen mit Behinderung in Deutschland meist zu äußern wüssten, was sie bräuchten.

Bei Liebesbeziehungen von Menschen mit Behinderung träten die Hemmungen beiderseits noch deutlicher zutage, so Jana Zöll. Sie erklärte sich dies mit der stärkeren Hemmung bezüglich der Körperlichkeit. Beide Rollstuhlfahrerinnen berichteten aber über erfüllte Beziehungen auch zu nicht behinderten Menschen.

Kultur und Medien verbinden Menschen mit und ohne Behinderungen

Der Deutsche Bundestag debattierte am 27.09.2012 über den gleichberechtigten Zugang von Menschen mit Behinderung zu Kultur und Medien. Dazu erklären der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Kultur und Medien, Wolfgang Börnsen (Bönstrup), und die Behindertenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Michalk:

„Kultur ist ein hohes Gut, die unsere Persönlichkeit prägt und uns mit anderen zusammen bringt. Auch Menschen mit Behinderung sind die Teilhabe am kulturellen Leben und der Zugang zu den Medien, wie Fernsehen oder Internet, ein Grundbedürfnis. Sie wollen genau das tun können, was für alle anderen auch ganz selbstverständlich ist: ins Kino gehen, trotz Rollstuhl eine Ausstellung oder ein Theaterstück besuchen, eine Sendung im Fernsehen anschauen, auch wenn sie gehörlos sind, oder im Internet surfen, auch wenn sie blind sind.

Nicht die körperliche Einschränkung hindert Menschen mit Behinderung daran, all dies zu tun, sondern die vielen kleinen und großen Barrieren im Alltag, die ihnen immer wieder im Weg sind. Daher ist es für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein zentrales Anliegen, dass das Prinzip des „universellen Designs“ bei allen Entscheidungen berücksichtigt wird: Alles muss so aufbereitet, konstruiert, gebaut sein, dass es von allen Menschen ohne zusätzliche Hilfsmittel genutzt werden kann.

Seit der Nationale Aktionsplan für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland auf dem Weg ist, hat sich eine breite gesellschaftliche Diskussion entwickelt. Die Erkenntnis bei vielen wächst, dass umfassende Barrierefreiheit unser aller Leben erleichtert. Wer heute Kultur anbietet, wird künftig an alle denken müssen. In unserer älter werdenden Gesellschaft sind Menschen mit Behinderung eine wichtige Kundengruppe. Bereits heute leben 7,3 Millionen Menschen mit Behinderung nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland. 1,3 Millionen Menschen meiden z. B. das Kino, weil ihre Augen und Ohren schwächer geworden sind. Dies haben auch einige Fernsehmacher erkannt. Sie schaffen schon heute immer neue Angebote, um auch Zuschauer mit Behinderung für ihr Programm zu gewinnen.

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßt, dass die Bundesregierung bereits reagiert hat: Im Referentenentwurf für die Novelle des Filmförderungsgesetzes werden barrierefreie Filmfassungen zu einem verbindlichen Förderkriterium und die barrierefreie Umrüstung von Kinosälen wird begünstigt. Bislang sind nur etwa ein Prozent der Kinosäle und der Filme barrierefrei ausgestattet.

Wir sind bereits auf einem guten Weg, doch noch viel mehr barrierefreie Angebote müssen folgen. Erst wenn wir es schaffen, das kulturelle Leben in unserer Gesellschaft mit und ohne Behinderung gemeinsam zu gestalten, bilden wir eine echte Kulturgemeinschaft, die wir für unser Land wollen.“

Mit Rollstuhl an Bord

Auch gehandicapt sind Seereisen möglich – woran man denken muss.

Jeder zweite Kreuzfahrtpassagier ist älter als 60 Jahre – und Rollstuhlfahrer sind nicht ausgeschlossen. Sie sollten vorher aber den Veranstalter ansprechen, was sie zu beachten haben. „In der Regel stellen Reedereien einen Steward ab, der sich um Gehbehinderte kümmert“, sagt Dr. Klaus Seidenstücker von der Deutschen Gesellschaft für maritime Medizin im Apothekenmagazin „Senioren Ratgeber“. Barrierefreiheit könne man allerdings an Bord nicht erwarten – so habe etwa der Eingang des Bades meistens eine Schwelle. Grundsätzlich empfiehlt sich an Bord eine Auslandsreisekrankenversicherung, denn wer ärztliche Hilfe benötigt, bekommt die Rechnung vom Schiffsarzt oder der Reederei. Die Europäische Krankenversicherungskarte reicht in der Regel nicht.

Festivalauftakt „überall dabei“: Gelebte Inklusion in Berlin

Start des barrierefreien Filmfestivals „überall dabei“ in Berlin / Schirmherr Guildo Horn und Hubert Hüppe diskutierten mit rund 300 Berlinern über gleichberechtigte Teilhabe in Deutschland / Berliner setzten mit Aktion „Schuhe binden“ ein Zeichen für mehr Inklusion

Gestern startete das inklusive Filmfestival der Aktion Mensch. Unter dem Motto „überall dabei“ tourt es bis Mai 2013 durch 40 deutsche Städte und zeigt ausgewählte Spiel- und Dokumentarfilme zum Thema Inklusion. Rund 300 Berliner, Menschen mit und ohne Behinderung, besuchten den Premierenfilm „Die Kunst sich die Schuhe zu binden“. Und das uneingeschränkt – ermöglicht durch die barrierefreie Spielstätte, Untertitel, Audiodeskriptionen (Hörbeschreibungen), Gebärdensprach- und Schriftdolmetscher. „Dass wir alle gemeinsam Kino erleben können, ist leider noch keine Selbstverständlichkeit. Aus diesem Grund gibt es unser Filmfestival und macht es immer noch einzigartig in Europa“, sagte Aktion Mensch-Vorstand Martin Georgi am Festivalauftakt.

Schirmherr Guildo Horn eröffnete das Filmfestival: „Mit den Filmen von ‚überall dabei‘ können wir Barrieren im Kopf niederreißen – und dafür gebe ich gern mein hübsches Horngesicht her“, sagte der Musiker und Diplom-Pädagoge am Abend. Im Anschluss an den Eröffnungsfilm „Die Kunst sich die Schuhe zu binden“ diskutierten die Kinobesucher unter anderem mit Martin Georgi und Hubert Hüppe, MdB, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, zur Situation von Menschen mit Behinderung in Deutschland. „Inklusion beginnt im Kopf. Wir sind in Deutschland auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel“, so Hüppe.

Aktion „Schuhe binden“ – Berliner bringen Inklusion auf den Gendarmenmarkt

In Anlehnung an den Eröffnungsfilm riefen Aktion Mensch-Vorstand Martin Georgi und Schirmherr Guildo Horn bereits am gestrigen Morgen zur Aktion „Schuhe binden“ am Gendarmenmarkt auf – um so auf das Thema Inklusion aufmerksam zu machen. Viele Berliner folgten dem Aufruf und banden sich selbst oder gegenseitig die Schuhe. Unter den Teilnehmern war auch Silvia Schmidt, MdB, Behindertenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion.

Über das Filmfestival

„überall dabei“ macht vom 20. September 2012 bis 8. Mai 2013 in 40 deutschen Städten Station. Es findet bereits zum fünften Mal statt und ist durch seine umfassende barrierefreie Organisation einzigartig in Europa. Zentrales Thema von „überall dabei“ ist Inklusion, also das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung. Mit dem Festival plädiert die Aktion Mensch für den gemeinsamen Diskurs über eine gleichberechtigte und menschenwürdige Gesellschaft. Neben den Filmvorführungen organisiert sie dazu mit ihren bundesweiten und lokalen Partnern an jedem Veranstaltungsort ein Programm mit Publikumsdiskussionen und Expertengesprächen.

In Berlin ist „überall dabei“ noch bis zum 26. September zu Gast. Parallel startete das Filmfestival auch in Potsdam und Weimar. Die nächsten Stationen sind Dresden und Zwickau.

Alle weiteren Informationen und Spieldaten zu „überall dabei“ finden Sie unter www.aktion-mensch.de/filmfestival.

Inklusionsbeirat will Änderungen im Wahlrecht

Die Inklusionsbeirat fordert die Streichung zweier Regelungen im Bundeswahlgesetz über das Wahlrecht für Menschen, für die ein Betreuer bestellt wurde oder die sich in einem psychiatrischen Krankenhaus befinden. Der Inklusionsbeirat der Staatlichen Koordinierungsstelle nach Artikel 33 UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) will die anstehende Änderung des Wahlrechts für die Wahlen zum Deutschen Bundestag zum Anlass nehmen, die Regelungen des §13 Nr.2 und Nr.3 Bundeswahlgesetz zu streichen. „Diese Regelungen sind aus unserer Sicht vor dem Hintergrund der in Deutschland seit März 2009 geltenden UN-Behindertenrechtskonvention nicht mehr haltbar,“ so der Inklusionsbeirat in seinem Brief an den Bundestagspräsidenten.

Die Mitglieder des Inklusionsbeirats argumentieren, aufgrund der in Artikel 29 a UN-BRK ist das Recht auf politische Teilhabe an allgemeinen Wahlen präzisiert worden. In Bezug auf Menschen mit Behinderungen heißt das: Auch Menschen mit Behinderungen haben das uneingeschränkte Recht, sich aktiv und passiv an Wahlen „gleichberechtigt mit anderen“ zu beteiligen. Diskriminierungen egal welcher Art, ob direkt oder indirekt, sind nach der UN-BRK ausdrücklich untersagt (Artikel 5 UN-BRK).

Weiter heißt es in dem Brief: „Die UN-BRK zwingt uns daher, existierende Rechtsauslegungen internationaler Menschenrechtsübereinkommen und des Grundgesetzes gleichermaßen zu überdenken und bestehende Beschränkungen zugunsten von Inklusion und Partizipation behinderter Menschen aufzuheben.“

Die zu streichenden Vorschriften lauten im Einzelnen:

§ 13 Nr. 2 Bundeswahlgesetz (BWahlG): Ausgeschlossen vom Wahlrecht ist derjenige, für den zur Besorgung aller seiner Angelegenheiten ein Betreuer nicht nur durch einstweilige Anordnung bestellt ist; dies gilt auch, wenn der Aufgabenkreis des Betreuers die in § 1986 Abs. 4 und § 1905 des Bürgerlichen Gesetzbuchs bezeichneten Angelegenheiten nicht erfasst.
§ 13 Nr. 3 Bundeswahlgesetz (BWahlG): Ausgeschlossen vom Wahlrecht ist, wer sich auf Grund einer Anordnung nach § 63 in Verbindung mit § 20 des Strafgesetzbuches in einem psychiatrischen Krankenhaus befindet.
Nach Ansicht des Inklusionsbeirats stützen internationale Gremien wie der Europarat sowie der UN-Menschenrechtsrat diese Sichtweise. Das höchste Menschenrechtsgremium der Vereinten Nationen habe am 20. März 2012 als Resolution beschieden, dass ein Ausschluss behinderter Menschen vom Wahlrecht eine menschenrechtliche Diskriminierung sei, die in einer Rechtsordnung immer zu vermeiden sei.

7,3 Milli­onen schwer­behin­derte Men­schen leben in Deutsch­land

Zum Jahresende 2011 lebten rund 7,3 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren das rund 187 000 oder 2,6 % mehr als am Jahresende 2009. 2011 waren somit 8,9 % der ge­samten Bevölkerung in Deutschland schwerbehindert. Etwas mehr als die Hälfte (51 %) der Schwerbehinderten waren Männer. Als schwerbehindert gelten Personen, denen von den Versorgungsämtern ein Grad der Behinderung von 50 und mehr zuerkannt und ein gültiger Ausweis ausgehändigt wurde.

Behinderungen treten vor allem bei älteren Menschen auf: So waren deutlich mehr als ein Viertel (29 %) der schwerbehinderten Menschen 75 Jahre und älter; knapp die Hälfte (46 %) gehörte der Altersgruppe zwischen 55 und 75 Jahren an. 2 % waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Mit 83 % wurde der überwiegende Teil der Behinderungen durch eine Krankheit verursacht; 4 % der Behinderungen waren angeboren beziehungsweise traten im ersten Lebensjahr auf, 2 % waren auf einen Unfall oder eine Berufskrankheit zurückzuführen.

Zwei von drei schwerbehinderten Menschen hatten körperliche Behinderungen (62 %): Bei 25 % waren die inneren Organe beziehungsweise Organsysteme betroffen. Bei 13 % waren Arme und Beine in ihrer Funktion eingeschränkt, bei weiteren 12 % Wirbelsäule und Rumpf. In 5 % der Fälle lag Blindheit beziehungsweise eine Sehbehinderung vor. 4 % litten unter Schwerhörigkeit, Gleichgewichts- oder Sprachstörungen. Der Verlust einer oder beider Brüste war bei 2 % Grund für die Schwerbehinderung.

Auf geistige oder seelische Behinderungen entfielen zusammen 11 % der Fälle, auf zerebrale Störungen 9 %. Bei den übrigen Personen (18 %) war die Art der schwersten Behinderung nicht ausgewiesen.

Bei knapp einem Viertel der schwerbehinderten Menschen (24 %) war vom Versorgungsamt der höchste Grad der Behinderung von 100 festgestellt worden; 31 % wiesen einen Behinderungsgrad von 50 auf.

Die Inklusion mit Leben füllen

Die Bilanz ist nicht berauschend: Rund 70 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf (6,2 Prozent aller Kinder) besuchen in Deutschland nach wie vor Förderschulen, nur knapp 30 Prozent werden integrativ in den Regelschulen gefördert.

So die jüngsten nüchternen Zahlen aus dem Nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2012.“ Sie belegen aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), dass die 2009 in Kraftgetretene UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung für die sonderpädagogische Förderung in Deutschland immer noch nicht richtig Tritt gefasst hat. Die Quote der in Regelschulen inkludiert geförderten Kinder ist heute zwar doppelt so hoch wie noch im Schuljahr 2000/2001. Aber diese Vergleichswerte liegen nun auch schonüber zehn Jahre zurück.

Vor allem in den Schwerpunktbereichen Sprache, geistige, emotionale und soziale Entwicklung auch die „Förderschul-Besuchsquote“ stetig angewachsen, stellt Dr. Ulrike Horacek, Vorstandsmitglied in der DGSP, fest. Lediglich in Thüringen und Schleswig-Holstein zeichnen sich laut Horacek „echte“ Verschiebungseffekte in Richtung inklusive Beschulung ab.

Doch was bedeuten diese Globalzahlen nun für betroffene Kinder und ihre Familien? Um dies herauszufinden, sind im Rahmen einer Dissertationsarbeit an der Universitäts-Kinderklinikum Ulm in der „Sektion Sozialpädiatrisches Zentrum und Kinderneurologie“ 155 Elternvon betroffenen Schulkindern und 54 Eltern von Vorschulkindern befragt worden. Dabei zeigt sich, dass die meisten Eltern von Kindernmit sonderpädagogischem Förderbedarf auch in Deutschland einem gemeinsamen Unterricht von Kindern grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Dabei müssen aber bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein: kleine Klassen, speziell ausgebildete Lehrer und die Wohnortnähe. Bei Eltern von Kindern, die schwerwiegendere Beeinträchtigungen haben, kommen weitere Voraussetzungen (Einzelbetreuung, rollstuhlgerechte Einrichtung, Pflege- und spezielle Therapieangebote) hinzu.

Mehrheitlich befürworten Eltern von Vorschulkindern mit leichteren Beeinträchtigungen den Besuch einer Regelschule, auch wenn 60 Prozent von ihnen eine Integrationshilfe benötigen. Sehr viel skeptischer bewerten die meisten Eltern einen Regelschulbesuch bei schwereren Beeinträchtigungen ihrer Kinder. Diese fühlen sich auf einer Förderschule meist gut aufgehoben, weil das Lerntempo langsamer ist, Freundschaften leichter geschlossen werden können und die Lehrer verständnisvoller sind. Immer noch werden Kinder in Förderschulen nach Einschätzung der Eltern allerdings häufiger stigmatisiert. Als vorteilhaft wird eine Regelschule aber nur dann angesehen, wenn gezielte und fachlich geschulte Betreuungsfachkräfte für das Kind zurVerfügung stünden. Diese müssen (Einzel)-Förderungen, Integrationshilfestellungen und im Bedarfsfall auch spezielle medizinisch-pflegerische Leistungen sicherstellen. Diese inklusionsfördernden Rahmenbedingungen sind nach den Ergebnissen der Ulmer Studie selbst in Förderschulen nicht selbstverständlich und in Regelschulen gar die Ausnahme, kritisiert Ulrike Horacek.

Um den allseits eingeforderten Inklusionsgedanken aber auch in den Regelschulen leben zu können, fordern die DGSPJ im Einzelnen:

– Inklusion muss als Aufgabe für die gesamte Gesellschaft begriffen
und umgesetzt werden

– Bereits in Krippen und Kindergärten müssen vermehrt
inklusionsfördernde Rahmenbedingungen bereitgestellt werden. Dazu
gehören vor allem nicht zu große Gruppen und eine ausreichende Zahl
qualifizierter Betreuungskräfte.

– In den Regelschulen, die die Inklusion umsetzen, ist die
fachliche Qualifizierung des pädagogischen Personals im
Hinblick auf die speziellen gesundheitlichen Besonderheiten der
Kinder sicher zu stellen. Dazu sind umfassende Investitionen in die
Lehrerausbildung und eine Anpassung der Gehälter unabdingbar.

– Die deutlich zu verbessernde fachliche Beratung der Eltern bei der
Schulwahl sollte gerade auch im Hinblick auf die geforderte Stärkung
des Elternwahlrechts durch unabhängige Fachleute erfolgen: zum
Beispiel im Schulärztlichen Dienst der Gesundheitsämter oder den
Sozialpädiatrischen Zentren. Dabei müssen verstärkt gesundheitliche
und psychosoziale Aspekte berücksichtigt werden.

– Auch Kinder mit komplexen Mehrfachbehinderungen oder mit
erhöhtem Förderbedarf bei der geistigen Entwicklung sollten in
Modellklassen von Regelschulen gefördert werden können, die im
Erfolgsfall langfristig auch ausreichend finanziert werden müssen.

„Deutsche Athleten haben bei 14. Paralympics in London begeisternden Sport geboten“

Auf die „großartige Leistung“ der deutschen paralympischen Mannschaft bei den 14. Paralympics in London hat Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), heute hingewiesen. „Wir haben hervorragende Leistungen gesehen und können uns darüber freuen, dass die rd. 150 deutschen Athletinnen und Athleten mit ihren insgesamt 66 Medaillen noch einmal erfolgreicher waren als vor vier Jahren in Peking“, so Fahrenschon heute in Berlin.

Die sportlichen Leistungen der Paralympics würden heutzutage in einer breiten Öffentlichkeit auf immer größeres Interesse stoßen. Dies unterstreiche auch eine aktuelle Studie des Forschungsinstituts Sport und Markt, nach der die Athleten inzwischen für 76 Prozent der Menschen in Deutschland Vorbilder seien.

Die Paralympics leisteten einen wesentlichen Beitrag zu einer möglichst umfassenden Integration von Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. „Auf diesem Weg der Integration sollten wir mutig voranschreiten“, sagte Fahrenschon.

Ländliche Räume bieten auch Menschen mit Behinderungen interessante Perspektiven

Der ländliche Raum hat großes Potenzial, neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu erschließen. Zu diesem Ergebnis kommt ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördertes Modellvorhaben, das sich mit der Bedeutung von regionalen Netzwerken für die Integration von behinderten Menschen befasst und daraus einen Leitfaden entwickelt hat. „Besonders Menschen mit Behinderung arbeiten oft gerne in der Natur und mit Tieren – während viele Landwirte und Gartenbaubetriebe Personal suchen. Genau hier setzt das Projekt an, damit alle Beteiligten leichter zueinander finden und voneinander profitieren können“ sagte Peter Bleser, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, bei einem Besuch im Antoniusheim in Fulda.

An drei Modellstandorten in Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen wurde unter der fachlichen Betreuung der Forschungsanstalt für biologischen Landbau (FiBL) erforscht, wie ländliche Dienstleister, landwirtschaftliche Betriebe und Werkstätten für behinderte Menschen zusammengebracht und so neue Arbeitsmöglichkeiten auch außerhalb des geschützten Bereichs erkannt und erschlossen werden können. Ein solches Arbeitsumfeld ermöglicht die Begegnung mit anderen Menschen, gibt Selbstvertrauen und garantiert ein persönliches Einkommen. In den Modellvorhaben profitierten aber auch die ländlichen Räume, die durch die verwirklichten Projekte gestärkt und belebt wurden und eine höhere regionale Wertschöpfung erzielten. „Das Projekt zeigt deutlich, dass sich auch für ländliche Räume, die bei der sozialen Integration behinderter Menschen Verantwortung übernehmen, neue Impulse für die Entwicklung ergeben“, sagte Bleser. Dafür braucht es jedoch regionale Netzwerke, die eine Verbindung zwischen der Zielgruppe und den Arbeitgebern herstellen und die Qualifikation, die Schaffung von Kooperationen, die Betreuung von Behinderten und Arbeitgebern und die Entwicklung neuer Geschäftsideen organisieren und durchführen. Der nun vorgestellte Leitfaden liefert dazu wertvolle Anregungen.

„Die soziale Integration behinderter Menschen ist in ländlichen Räumen keine Utopie, sondern eine reale Chance für die Menschen und die Region. Deswegen wurde das Modellvorhaben auch als Maßnahme in den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention aufgenommen. Das ist ein echter Erfolg“, sagte Bleser in Fulda.